Le Labo - Benjoin 19

Benjoin 19 erfindet einen Raum.

Man könnte ihn sich in Moskau vorstellen, irgendwann zwischen Jahrhundertwende und Gegenwart. Draußen liegt Kälte auf dem Asphalt. Drinnen brennt der Kamin. Ein Mann sitzt in einem Chesterfield-Sessel. Auf dem Tisch steht nichts. Kein Whisky. Keine Zigarre. Nicht einmal ein Glas Wasser.

Nur Stille.

Das Interessante: Benjoin 19 riecht kaum nach Benzoe, mehr nach Weihrauch. Jedenfalls nicht nach dem Benzoe, das man erwartet. Nicht nach klebrigem Vanillezucker, nicht nach „jemand hat gerade Backpulver in einen Duft gekippt und beschlossen, das sei jetzt Gourmand“. Hier spielt Benzoe eine andere Rolle.

Es sitzt im Hintergrund. Warm, weich. Eine minimale vanillige Nuance ist da, aber sie kommt nicht mit der Tür ins Haus. Sie schleicht sich eher irgendwann von hinten an.

Und dann kommt der Weihrauch. Nicht der sakrale Weihrauch, der dich augenblicklich in eine Kathedrale teleportiert. Eher trockener, klarer, beinahe mineralischer Rauch. Der Duft hat etwas Räumliches. Als würde man nicht an einem Kamin sitzen, sondern im Raum stehen, in dem vor einer Stunde einer gebrannt hat. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Benjoin 19 erzählt nicht von Gegenständen. Er erzählt von Atmosphäre.

Kühl und warm.

Alt und neu.

Hell und dunkel.

Schwarz und Weiß.

Und genau diese Gegensätze machen ihn für mich so interessant.

Le Labo hat Benjoin 19 dem Moskauer City-Exclusive gewidmet Moskau ist dabei weniger ein Ort als ein Augenblick. Riecht so Moskau, kann sein, altes Mütterchen. Zur Vorstellung passt es jedenfalls. Er ist auch einem Moment gewidmet aus Tolstois Anna Karenina.

Anna begegnet am Moskauer Bahnhof Graf Wronskij. Ein kurzer Augenblick. Ein Blick. Eine Begegnung. Und plötzlich ist das Leben nicht mehr dasselbe.

Ich mag diese Idee, weil sie den Duft nicht auf „Moskau riecht so“ reduziert. Zum Glück. Moskau als olfaktorische Checkliste aus kaltem Asphalt, Pelzmänteln und Wodka wäre ungefähr so interessant wie ein Souvenirshop am Flughafen.

Es geht um etwas anderes: Den Moment, in dem eine Tür aufgeht, durch die man später nicht mehr zurückkommt.

Tolstoi braucht dafür keine Explosion. Kein großes Feuerwerk. Nur zwei Menschen, die sich begegnen.

Er schreit nicht. Er drängt sich nicht auf. Er steht einfach da. Und verändert langsam die Temperatur des Raumes.

Ein Gentlemen's Club, nur ohne den ganzen Quatsch. Dunkles Holz. Chesterfield-Sofas. Hohe Decken. Ein Kamin irgendwo außerhalb des Blickfelds. Männer, die Sätze tatsächlich noch zu Ende sprechen. Eloquenz statt Smalltalk. Kleidung, die nicht „Old Money“ sein will, sondern einfach schon drei Generationen alt ist.

Aber – und das ist wichtig – ich rieche darin kein Leder. Auch keinen offensichtlichen Kamin. Keine Zigarren. Keinen Alkohol.

Der Duft macht etwas viel Schlaueres: Er gibt mir das Gefühl des Raumes, ohne dessen Inventarliste abzuarbeiten.

Das ist für mich eine der großen Stärken von Benjoin 19. Er malt nicht den Sessel. Er malt die Luft zwischen Sessel und Kamin!
Und diese Luft ist verdammt gut gemacht.

Sie hat etwas Kühles, gleichzeitig liegt darunter diese weiche, vanillige Wärme. Nicht süß. Nicht kuschelig.

Frank Voelkl hat Benjoin 19 komponiert – und wenn ich mir seine Arbeiten für Le Labo anschaue, erkenne ich darin eine Handschrift, die ich ziemlich gerne mag.
Sie sind klar. Strukturiert. Verständlich. Und trotzdem nicht banal. Das ist schwieriger, als es klingt.

Benjoin 19 ist vergleichsweise linear. Er entwickelt sich nicht wie ein Parfum, das ständig neue Kostüme aus dem Koffer zieht. Er bleibt bei seiner Idee. Vielleicht ist genau das der Trick.


Song zum Duft: Lorde - Royals


DUFT
8.9

HALTBARKEIT
7.9

SILLAGE
7.4

FLAKON
9.0

PREIS-LEISTUNGS-VERHÄLTNIS
5.0

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