Almost Human - Dear Future
Wie riecht die Zukunft?
Nach Neon, wie die Restwärme eines Fernsehers, der seit Stunden läuft. Wie die Luft in einem futuristischen Labor kurz nach Mitternacht. Wie mandelige Zuckerwatte aus einem 3D-Drucker.
Dear Future versucht gar nicht erst Natur zu imitieren. Keine Rose. Kein Oud. Kein generischer Kladderadatsch wie die meisten aktuellen Düfte. Stattdessen entsteht etwas Eigenständiges. Etwas, das gleichzeitig künstlich und vertraut wirkt. Ein Duft wie eine Erinnerung an etwas, das noch gar nicht passiert ist.
Schon bevor der erste Sprüher die Haut berührt, transportiert Dear Future genau diese Idee. Der schwere Metalldeckel fühlt sich an wie ein präzisionsgefertigtes Bauteil aus einer nahen Zukunft. Matt beschichtet, vermutlich pulverbeschichtet, mit einer Haptik, die sofort Wertigkeit signalisiert. Die gesamte Präsentation bleibt konsequent in Schwarz. Der Flakon dunkel getönt, aber nicht opak. Genug Transparenz, um Tiefe zu erzeugen, ohne sein Geheimnis preiszugeben.
Dazu diese fantastische Typografie. Minimalistisch, futuristisch, aber nie kalt. Eher die Art von Design, die man auch in hochwertigen Architektur- oder Tech-Magazinen erwarten würde. Die gleiche Ästhetik zieht sich durch die Website. Alles wirkt durchdacht, kohärent und frei von den üblichen Nischenparfüm-Klischees.
Man merkt sofort, dass Goran Bajazetov Designer ist. Er trifft voll meinen Geschmack.
Auch die Markenbeschreibung schlägt genau in diese Kerbe. Dear Future beschreibt keine konkrete Geschichte, sondern einen Zustand. Einen Ort irgendwo zwischen Gegenwart und Zukunft, an dem die Dinge bereits ihre endgültige Form gefunden haben. Mehr Konzeptstudie als Storytelling.
Passend dazu verzichtet man komplett auf eine klassische Duftpyramide. Keine Kopfnoten. Keine Herznoten. Keine Basisnoten. Nicht einmal eine klassische Notenliste. Dear Future ist eine Synthetic-Bombe. Aber auf geil.
Molekular. Synthetisch. Pudrig. Süßlich. Fast schon hyperreal. Ein Duft, der gar nicht erst versucht, Natur zu reproduzieren, sondern seine künstliche Identität mit Stolz vor sich herträgt.
Mein erster Test liegt Anfang Mai zurück, gemeinsam mit Nico von tfr - THE FUME ROOM.
Exkurs: Shout out to Nico, checkt mal seinen Channel aus. Er produziert etwas „anderen“ nicht mainstreamigen Parfum-Content, er zeigt Düfte, welche du selten siehst und auch nicht jedermanns Sache sind, er spricht rotzig geht aber nie über eine Grenze und bringt mit gehobener Sprache dann doch wieder Präzision und Professionalität rein. Untermalung von dem einen oder anderen Meme, voila Content welcher mir gefällt. http://www.youtube.com/@thefumeroom
Zurück zum Testing:
Die Erwartungshaltung war entsprechend hoch. Synthetisch-artistische Düfte erwischen mich normalerweise ziemlich zuverlässig. Genau mein Beuteschema. Und trotzdem war ich zunächst etwas enttäuscht. Da war/ ist diese Mandelnote.
Präsent. Hartnäckig. Für meinen Geschmack eigentlich problematisch. Mandel funktioniert bei mir selten, ok funktioniert gar nicht. Umso irritierender, dass ich in den Inhaltsstoffen nichts finde, was diese Assoziation eindeutig erklären würde. Kein offensichtlicher Mandelakkord. Kein Benzaldehyd. Nichts, was unmittelbar in diese Richtung zeigt. Trotzdem war sie da.
Das Sample bekam weitere Chancen. Noch ein Tragen. Noch eins. Dann ein zweites Sample. Und langsam begann der Duft seine Wirkung zu entfalten.
Dear Future entwickelte eine eigentümliche Anziehungskraft. Er gefiel mir nicht sofort. Aber er ließ mich auch nicht los. Mit jedem Tragen wurde diese abstrakte Wärme faszinierender. Die pudrige Süße. Die weichen Moschusflächen. Diese seltsam digitale Klarheit, die permanent zwischen Komfort und Futurismus oszilliert.
Die offizielle Beschreibung trifft den Charakter erstaunlich präzise:
.: SOFT OZONE :.
.: GLOWING SKIN :.
.: DIGITAL WARMTH :.
.: SOFT AMBER LIGHT :.
.: DISTANT CALM :.
Vor allem „Digital Warmth“ bringt die DNA perfekt auf den Punkt. Dear Future riecht nicht nach kalter Technologie. Er riecht nach Wärme, die durch Technologie entsteht.
Zur Performance gibt es wenig zu diskutieren. Die Extrait-Konzentration macht sich bemerkbar. Haltbarkeit ist absolut auf Top-Niveau. Gleichzeitig bleibt die Projektion kontrolliert und kultiviert. Die Sillage würde ich als moderat bezeichnen.
Das Schöne daran: Ich selbst nehme Dear Future über den gesamten Tag hinweg wahr. Die Umwelt ebenfalls – allerdings ohne dass der Duft jemals penetrant wird. Eher wie ein konstantes Energiefeld mit ungefähr drei Metern Radius.
Dear Future wird nicht jeden sofort abholen. Dafür ist seine Signatur zu eigenwillig, zu abstrakt, zu synthetisch. Wer jedoch Freude an molekularen Duftlandschaften, futuristischen Konzepten und avantgardistischer Parfümerie hat, sollte ihm mehr als nur einen Test gönnen.
Bei mir hat genau das den Unterschied gemacht.
In einem Satz?
Ein warmer Fernseher im Weltall. Ein futuristisches Labor. Mandel-Zuckerwatte, Haut unter weichem Amberlicht.
Song zum Duft: Depeche Mode - Enjoy the Silence
DUFT
8.4
HALTBARKEIT
8.5
SILLAGE
7.0
FLAKON
9.6
PREIS-LEISTUNGS-VERHÄLTNIS
8.4