HEDONIC ADAPTATION
Dein Gehirn ist kein Parfumkritiker
Unser Geruchssystem hat eine ziemlich clevere Eigenschaft: Es reagiert nicht dauerhaft mit derselben Intensität auf einen Reiz, der ständig vorhanden ist.
Bei wiederholter oder anhaltender Geruchsexposition nimmt unsere Reaktion auf den Reiz ab. In der Forschung wird dabei unter anderem zwischen olfaktorischer Adaptation und Habituation unterschieden: Adaptation beschreibt Veränderungen auf der sensorisch-neuronalen Ebene, Habituation die abnehmende Reaktion auf einen wiederholt auftretenden Reiz. Pellegrino et al., Habituation and adaptation to odors in humans, 2017
Eigentlich ziemlich vernünftig.
Stell dir vor, dein Gehirn würde jeden Geruch, der länger als fünf Minuten vorhanden ist, permanent mit voller Lautstärke melden.
Die Wohnung riecht nach deinem Parfum.
Die Wohnung riecht nach deinem Parfum.
Die Wohnung riecht nach deinem Parfum.
DIE WOHNUNG RIECHT NACH DEINEM PARFUM!
Danke für die Information.
Irgendwann hätten wir alle einen Vogel.
Also lernt das Gehirn:
Kenne ich. Ist schon da. Nichts Neues. Weiter.
Der neue Geruch bekommt Aufmerksamkeit.
Der bekannte wird Hintergrundrauschen.
Nicht, weil er verschwunden ist.
Sondern weil dein Gehirn beschlossen hat, dass er gerade keine Priorität besitzt.
Vom Ereignis zum Hintergrund
Das passiert schließlich ständig.
Die neue Wohnung.
Das neue Auto.
Der neue Sessel.
Der Urlaub.
Die neue Uhr.
Am Anfang fühlt sich alles ein bisschen besonders an.Und irgendwann steht das Auto einfach vor der Tür. Der Sessel steht da. Die Wohnung ist deine Wohnung. Und Dienstag ist wieder Dienstag.
In der Psychologie wird dieser Prozess unter anderem als hedonische Adaptation beschrieben: Positive Erfahrungen oder Veränderungen können mit der Zeit einen Teil ihrer emotionalen Wirkung verlieren, weil wir uns an sie gewöhnen.
Beim Parfum treffen dabei zwei Dinge aufeinander.
Deine sensorische Reaktion auf den vertrauten Geruch kann abnehmen. Und gleichzeitig kann auch die emotionale Reaktion auf ihn weniger intensiv werden. Das ist nicht dasselbe – aber zusammen ergibt es einen ziemlich überzeugenden Eindruck:
„Der Duft ist irgendwie schlechter geworden.“
Vielleicht ist er das gar nicht.
Vielleicht bist du einfach nicht mehr so beeindruckt.
Dein Lieblingsparfum wird zu dir
Am ersten Tag ist der Duft ein Ereignis.
Nach drei Monaten ist er deine olfaktorische Tapete.
Und genau darin liegt eine gewisse Ironie.
Du kaufst ein Parfum, weil es sich anders anfühlt als alles, was du bisher hattest.
Und wenn du es lange genug trägst, wird es irgendwann zu dem Ding, das sich am wenigsten anders anfühlt.
Es wird zu dir.
Das ist einerseits ziemlich schön.
Andererseits ist es für die eigene Nase ungefähr so spannend wie die eigene Wohnung nach sechs Monaten. Man kennt jeden Winkel.
Auch Gerüche unterscheiden sich übrigens darin, wie schnell und stark wir uns an sie gewöhnen. Untersuchungen zeigen, dass die Geschwindigkeit und Stärke der olfaktorischen Habituation je nach Geruch deutlich variieren kann. Dabei spielen unter anderem die Eigenschaften des jeweiligen Geruchs und seine anfängliche Intensität eine Rolle. Dalton et al., Habituation and adaptation to odors in humans, 2017
Heißt:
Nicht jedes Parfum verschwindet gleich schnell aus deiner Wahrnehmung. Und dein persönliches „Der hält nicht“ ist deshalb nicht automatisch eine objektive Aussage über die Performance.
Vielleicht brauchst du keinen neuen Duft
Vielleicht brauchst du einfach Abstand. Nicht den nächsten Release.Keine neue Discovery Box. Keine „Ich schaue nur mal kurz bei der Parfümerie vorbei“-Lüge. Einfach ein paar Tage ohne deinen Signature Scent. Denn manchmal kann genau das helfen, einen vertrauten Duft wieder als etwas Eigenständiges wahrzunehmen.
Und plötzlich ist er wieder da. Nicht weil die Formel über Nacht besser geworden ist. Nicht weil der Parfümeur heimlich die Performance repariert hat.Sondern weil du ihn eine Weile nicht gehört hast. Oder besser: nicht gerochen.
Der Selbstversuch
Mach es mit deinem aktuellen Lieblingsparfum. Ein paar Tage Pause. Und wenn du ihn danach wieder trägst, achte nicht zuerst auf die Haltbarkeit.
Vergiss Sillage. Vergiss Projection. Vergiss die Frage, ob du nach acht Stunden noch eine Duftwolke hinter dir herziehst.
Frag dich stattdessen:
Wie fühlt es sich an, diesen Duft wieder zu riechen?
Ist er plötzlich wieder stärker?
Interessanter? Schöner? Oder denkst du: „Ach. Ja. Stimmt. Den mochte ich mal.“
Auch das ist eine legitime Antwort.
Denn nicht alles, was sich verändert, ist Adaptation. Manchmal hat man sich tatsächlich sattgerochen. Und vielleicht ist das sogar die interessantere Erkenntnis.
Und jetzt bist du dran.
Wann hast du zuletzt gedacht: „Mein Parfum hält nicht mehr“ – und hast du es eigentlich überprüft?
Wie oft sprühst du nach, weil du selbst nichts mehr riechst?
Trägst du deinen Lieblingsduft noch, weil du ihn liebst – oder weil er einmal dein Lieblingsduft war?
Wie viel deiner Begeisterung gilt eigentlich dem Duft und wie viel der Neuheit?
Würdest du deinen Signature Scent nach sechs Monaten Pause genauso lieben?
Und vielleicht die unangenehmste Frage:
Brauchst du wirklich einen neuen Duft – oder brauchst du einfach mal eine Pause von deinem alten?
Denn manchmal ist die Flasche nicht leer. Die Performance nicht schlechter. Und der Duft nicht langweilig.
Nur dein Gehirn kennt ihn inzwischen verdammt gut.