MEISTER Parfümerie Hamburg
Ich in der Parfümerie MEISTER seit 1888 in Hamburg und denke kurz: Eigentlich fehlt hier nur noch jemand hinter einem schweren Holztresen, der mir eine kleine braune Flasche hinstellt und sagt: „Davon nehmen Sie morgens drei Tropfen. Gegen schlechte Entscheidungen.“
Ich mag solche Räume.
Vielleicht gerade deshalb, weil Parfum darin plötzlich wieder ein bisschen von diesem alten Handwerk bekommt. Nicht nur Produkt. Nicht nur hübscher Flakon. Sondern etwas, das man aufzieht, ausprobiert, stehen lässt, wieder hervorholt. Ein bisschen Labor, ein bisschen Salon, ein bisschen alte Apotheke.
Und dann schaut man ins Regal und stellt fest: Die Zeitreise endet ziemlich abrupt.
Maison Francis Kurkdjian. Parfums de Marly. Creed.
Die großen Namen stehen natürlich auch hier. Und das ist völlig in Ordnung. Eine Parfümerie ist schließlich kein von Duftnerds finanzierter Kulturverein. Die Zugpferde gehören dazu.
Interessant wird es für mich aber immer ein paar Meter weiter.
Sospiro. Comme des Garçons. Und auch Linien von Comme des Garçons, die man hierzulande nicht gerade an jeder zweiten Ecke stationär findet. Dazu Infiniment Coty Paris – einer dieser Namen, bei denen mein innerer Duftnerd kurz die Brille hochschiebt und sagt: Oh. Jetzt wird's interessant.
Denn wenn ich eine Nischenparfümerie betrete, habe ich meistens keine Lust auf die zehn Düfte, die gerade sowieso jeder kennt.
Ich sage das auch relativ schnell. Nicht aus Arroganz. Eher aus Eigennutz.
Wenn ich schon jemanden vor mir habe, der den ganzen Tag von Parfum umgeben ist, dann möchte ich bitte nicht bei „frisch, elegant und sehr beliebt“ anfangen. Zeigt mir den komischen Scheiß.
Den rauchigen. Den sperrigen. Den, bei dem man nach dem ersten Sprüher nicht sofort weiß, ob man ihn genial oder völlig bescheuert findet.
Genau da wird es spannend.
Ich fühlte mich, nachdem ich mit offenbart hatte, dort schnell gut aufgehoben. Die Beratung war angenehm, aufmerksam und engagiert, ohne auch nur einen Moment in dieses unangenehme „Ich muss Ihnen jetzt unbedingt etwas verkaufen“-Territorium abzudriften. Der Kollege war dabei irgendwo zwischen nicht mehr ganz jung und definitiv noch nicht alt – vor allem aber angenehm humorvoll und erstaunlich locker unterwegs. Fast schon jugendlich, ohne dabei krampfhaft jung wirken zu wollen. Genau diese Mischung hat mir gefallen: fachlich präsent, interessiert und mit Spaß an der Sache, aber eben nicht aufdringlich.
Eine kleine Sache würde das Testing für mich allerdings noch deutlich angenehmer machen: beschriftbare Teststreifen. Wir hatten relativ schnell mehrere Düfte aufgesprüht – was grundsätzlich genau das ist, was ich möchte – nur waren die Streifen irgendwann nicht mehr eindeutig zuzuordnen. Und plötzlich steht man da, riecht an einem Stück Papier und versucht anhand der eigenen Duftgedächtnisleistung zu rekonstruieren, ob das jetzt der Comme des Garçons, der vorherige Duft oder irgendeine olfaktorische Zwischenstation war. Bei einer ausführlichen Beratung wäre eine kleine Beschriftungsmöglichkeit deshalb Gold wert.
Am Ende bin ich dann mit einer handvoll Teststreifen und einem Sample des Après L'Amour aus der Parfümerie gegangen. Dieser ist mittlerweile auch als Vollflakon eingezogen.
Eine ausführliche Rezension folgt noch und werde ich hier verlinken.
Und je länger ich ihn trage, desto besser gefällt er mir. Herbst, Winter, später Sommerabend – der Duft kann das. Kein lauter Auftritt, eher einer, bei dem man irgendwann merkt, dass man schon wieder am eigenen Handgelenk hängt.
Vielleicht ist das ohnehin die beste Art, eine Parfümerie zu verlassen: Man kommt rein, um ein bisschen herumzuschnuppern.
Und geht mit einem Duft, der plötzlich bleiben darf.
Eine gute Entscheidung.